Donnerstag, Februar 28, 2008

Geburt


Im Harz

Meine Mutter wurde vor etwas mehr als 37 Jahren in einem kalten, gekachelten, sterilen und OP-mäßig ausgeleuchteten Raum auf den Rücken gelegt, um sie von mir zu entbinden. Als sie mich das erste Mal in den Arm nahm, trug sie einen Mundschutz, der mich vor Keimen schützen sollte. Wie sanft oder unsanft von Seiten des Krankenhauspersonals mit mir verfahren wurde, überlege ich lieber nicht. Gestillt worden bin ich nicht, weil der Wissenschaft damals Menge und Zusammensetzung dessen, was aus Menschenbrüsten zu fließen pflegt, äußerst suspekt war. Inkompetenter Weise wurde meiner Mutter geraten, der Milchfluss sei nur mit häufigem, langem Abpumpen zu unterbinden. (Der Beipackzettel von Abstilltabletten liest sich übrigens wie ein Horrorkabinett.)


Siebenundzwanzig Jahre später war ich zum ersten Mal schwanger. Eine meiner Cousinen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Kinder (heute hat sie sechs) und vertrauensvoll suchte ich Rat bei ihr, wo denn ein Kind am Besten zur Welt käme.

Das Krankenhaus, das sie mir empfahl, gefiel mir gut. Man rühmte sich dort einer Geburtshilfe nach Frédérick Leboyer, dem Verfechter der gewaltfreien Geburt.


An der Ahr


So landete ich dann in einem Kreißsaal, dessen Wände gebärmutterfarben gestrichen waren, in welchem gedämpftes Licht, Ruhe und eine Raumtemperatur von konstant 37°C herrschten. Jedwedes medizinisches Gerät war unsichtbar. Musik, Essen und Getränke konnten nach eigenen Wünschen mitgebracht werden.

Es gab Homöopathie und Bachblüten, einen Gebärstuhl, ein Bett, das keinerlei Ähnlichkeit mit einem Klinikbett hatte, auf dem die Hebammen, der werdende Vater und im Zweifelsfall auch noch der Arzt Platz hatten, ich konnte hängen, sitzen, stehen, liegen in allen nur erdenklichen Positionen - und laufen auch. Es gab eine große Gebärwanne, einen Sitzball...

Hätte ich Kopfstand machen wollen während der Wehen, mich hätte niemand daran gehindert.

Beim ersten Kind ist etwas schiefgegangen und er kam dann per Notkaiserschnitt auf die Welt.

Für mich war das Gefühl danach so, als sei ich im Garten Eden von einem Bus überfahren worden. Dieses traumatische Erlebnis führte dazu, dass wir als Eltern uns völlig einig waren, den beiden anderen Kindern bei ihren Geburten die sichere Nähe der Intensivmedizin gewähren zu wollen.

Trotz all' der kuscheligen anthroposophischen Ansätze, es war ein Krankenhaus. Das habe ich beim ersten Kind so nach und nach auf der Wochenstation geblickt, als ich allmählich aus meinem Hormonnebel erwachte. Und daher war es für mich das Größte, die beiden anderen Kinder später zwar auch dort, aber AMBULANT zu bekommen. Es fühlte sich an wie eine Wiedergutmachung, ein gerechter Ausgleich.

Der Kreis der Mütter, in den ich hineinfand (weil sie alle mindestens einmal im selben Kreißsaal gewesen waren wie ich ;), hing der "natürlichen Geburt" an, eine dieser Mütter zog später an den Bodensee und bekam dort das dritte Kind. Das ist ungefähr sechs Jahre her. Beim Umzug war sie gerade erst schwanger und tat sich beizeiten nach den dortigen "Gebärmöglichkeiten" um.

Der allgemeine Tenor war: Gekachelte Wände. Sterile OP-Kälte. Die benachbarte Weiblichkeit rümpfte meistensteils die Nase bei Stichworten wie"alternativ" oder "Gebärhaus". Gab's gar nicht. Das nächste wäre in der Schweiz gewesen.

Da hat sie sich lange und sorgfältig eine gute Hebamme gesucht und ihr Kind zu Hause bekommen. In der Badewanne.

Unterm Strich heißt das: In Baden-Württembergs Krankenhäusern herrscht eine Geburtsmedizin wie im Ruhrgebiet vor dreißig Jahren???? Ich hab' Leboyer als so klar und einfach, so einleuchtend, richtig und wichtig empfunden, es plättet mich einigermaßen, dass er nicht alles und alle, die damit zu tun haben, durchdringt. Dass es noch immer Geister gibt, die sich dem entziehen können.

In unserer ach so aufgeklärten Welt.

Dienstag, Februar 26, 2008

Kröchz! Grüße aus der Unterwelt...

Luft! Ich kann wieder atmen! Hurra!
Mein Ältester hatte vor 10 Tagen von der Klassenfahrt die Pest mitgebracht.
Erst waren Grejazi und beide Jungs krank,
letzten Donnerstag hat's mich erwischt
und seit gestern kröchzt die Kleine.
Alle kriegen Penicillin.
Mei Liaba!
Ich kann mich nicht erinnern, JEMALS
unter solcher Atemnot
gelitten zu haben.
Und Fieber hatte ich auch schon lange nicht mehr.
Was für eine Erfahrung!
Seit heute früh fühle ich mich
wie aus dem Hades
zurückgekehrt.
Und total schlapp.

Freitag, Februar 22, 2008

Ich konnt's nicht lassen...


...und das Rhino jedenfalls wird mir verzeihen!

Montag, Februar 18, 2008

Familienzuwachs...



Grejazi hat sich ein neues Auto gekauft. "Mein Auto", "Dein Auto", irgendwie unterscheiden wir das ja doch, obwohl es "unsere Autos" sind. Fakt ist, von wem's am meisten genutzt wird, der betrachtet's auch als seins, das schleicht sich so ein und offenbart sich im Sprachgebrauch, obwohl nach Bedarf durchaus getauscht wird.

Sei es wie es sei, dies Schnuckelchen ist ein 1995er Volvo 480S, mit Benzin- und Gasantrieb. UND ein richtiger Sportwagen! Tja, nachdem das, was er vorher hatte, bestenfalls ein, hm... FAHR-ZEUG war, hat er sich mal wieder ein bisschen Spaß verdient, der Grejazi.

Ledersitze, Sommerreifen auf Alufelgen... alles rundum sehr erfreulich.

Aber das BESTE: wir haben wieder einen Volvo in der Familie!

Edit: UND er hat SCHLAFAUGEN! Schmacht!

Sonntag, Februar 17, 2008

Reflexion

Aus gegebenem Anlass komme ich mal wieder ins Grübeln über meinen Status als Mutter, Ehe- und Hausfrau. Es gibt dieses Klischee von der Frau, die sich schnell Kinder machen lässt, den Kerl damit an die Leine legt und von da an ausgesorgt hat, weil sie im gemachten Nest sitzt. Oder auch das Heimchen, das sich zu nichts anderem traut als Hemden stärken und Kinder hegen, das hilflose Weibchen, das ein Männchen braucht, eine starke Beschützerbrust.

Und zum wiederholten Male frage ich mich, wo ich eigentlich stehe in diesem Leben??

Jedenfalls gruselt es mich, wenn ich beispielsweise meine Tochter vom Spielen bei ihrer Freundin abhole und deren Mutter sich mir beim Betreten des Hauses quasi mit vollem Körpereinsatz in den Weg wirft, weil "Äh, hehe, man hat ja doch immer ein bisschen Dreck unter den Schuhen!"

Ich bin voller Widerwillen dagegen, "den Haushalt" als meinen Lebensinhalt zu betrachten, als den Job, auf dem "kvinna" steht. Schließlich lebe ich hier nicht alleine und ich bin ganz bestimmt nicht "zu Hause" geblieben, damit es hier immer nett und adrett aussieht. Das ist nicht meine Erfüllung, wenn ich auch sonst wenig weiß, aber dass ich nicht das Heimchen am Herd bin, das sehe ich ganz klar.

Meine Mutter pflegte ihr Credo (und das tut sie heute noch): "Als Frau braucht man kein Studium, keine aufwändige Berufsausbildung. Man heiratet ja doch und kriegt Kinder!" Und genau da bin ich offenbar gelandet, obwohl mich solche Sprüche immer geärgert haben.

Aber in Wahrheit ist alles ganz anders.

Ich bin nicht abhänging. Ich bin nicht unfrei. Tatsache ist, dass ich mir sicher bin, jederzeit für mich selbst sorgen zu können, wenn ich es müsste, obwohl ich das Flicken von Fahrradreifen lieber meinem Mann überlasse.

Die Kinder sind abhängig von UNS und das ist der Punkt. Denn Frau braucht den Mann nicht nur für den kleinen Moment der Zeugung. Männer wollen Kinder, das ist ein Fakt, der gern unterschlagen wird. Spricht frau ihnen diesen Beweggrund ab, macht sie ja die Aufzucht der Brut geradezu zu einem Frauenjob.

Das Einkommen dieses Haushaltes ist unser gemeinsames, denn wäre ich nicht zu Hause und kümmerte mich voll um die Kinder, wäre ihr Vater nicht in der Lage, ein solches Einkommen zu erwirtschaften - entweder kürzte er seine Arbeitszeit oder er bezahlte Andere für die Kinderbetreuung.

Ich habe diesen Mann nicht geheiratet, um mich selbst damit aufzuwerten. Soviel steht auf jeden Fall fest, auch, wenn ich nicht in allen Punkten klar sehe.

Logo, Familie schränkt ein. Ich kann mich sicher nicht SO frei bewegen wie ungebundene, kinderlose Frauen. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, angekettet zu sein, meine Freiräume sind einfach nur organisierter, weniger spontan. Grundsätzlich kann ich tun, was ich will, niemand verbietet mir etwas, keiner macht mir Vorschriften.

Das einzige, was mich wurmt, ist, dass ich mehr könnte. Ich möchte einen Bereich haben, der mich ganz anders fordert, aber ich weiß nicht, was ich will. Ich hab' Energie übrig und weiß nicht, wohin damit.

Das liegt aber an mir.

Donnerstag, Februar 14, 2008

Strategie

Gelegentlich, wenn ich nur mal schnell ein, zwei Teile aus dem Supermarkt brauche, wird der Einkauf dann doch umfangreicher als beim Betreten des Ladens gedacht. Da kommen mir dann immer die Umverpackungen für Milchtüten oder die Papp-Paletten von den Konservendosen gerade recht als Tragehilfe.

Zuhause wird das nicht mehr benötigte Vehikel dann fachgerecht zerlegt und dem Recycling zugeführt. Gestaunt habe ich nun über die Anleitung auf diesem Karton:

Dass beim Präsentieren der Ware im Supermarkt nichts dem Zufall überlassen wird, ist ja allgemein bekannt. Aber das hier finde ich doch stark.

Zum Einen verblüfft mich die Markenbezogenheit des Product-Placements - also nicht nur "Margarine steht ganz unten", sondern auch noch "Die Rama hat links von der Lätta zu stehen" - zum Andern drängt sich mir der leise Verdacht auf, dass inzwischen schon viel mehr Marken aus demselben Stall kommen, als offensichtlich ist.

Die Frage ist, aufgrund welcher wissenschaftlichen Erwägungen diese Reihenfolgen festgelegt werden. Und WER sich sowas ausdenkt. Oder ist das vielleicht nur deshalb so, damit jeder Supermarkt-Mitarbeiter sich sofort zurechtfindet, wenn ihn die Aufgabe des Regal-Auffüllens trifft?

Ob Verkäuferinnen sich sowas jemals fragen?

Mittwoch, Februar 13, 2008

Der Tod hat angeklopft...

Unsere Nachbarschaft ist die beste, die ich mir vorstellen kann. Wir sind schon eine kleine Enklave, unsere Straße führt aus dem Ort heraus, ist bis auf zwei Höfe nur einseitig bis zur Hälfte bebaut und die Gärten der kleinen abzweigenden Sackgasse grenzen an unsere. Zwanzig Haushalte sind schon fast ein Dorf im Dorf.


Es gibt zwar keine jungen Familien, unsere Kinder sind die einzigen, aber man kennt sich. Im Falle meines Mannes schon ein ganzes Leben. Wenn man Gesellschaft will, mal eben über'n Zaun klönen oder eine Feier, kann man das jederzeit haben. Wenn man seine Ruhe will, hat man die auch. Nachbarschaftshilfe wird hier tatkräftig gelebt. "Hässlichen" Tratsch und jedwede Häme sucht man hier vergeblich.
Im Winter sieht man sich weniger. So ist es in jedem Frühjahr immer wieder ein kleines Ereignis, wenn alle so langsam "aus den Löchern kommen". Vor zwei Tagen nun stand ich in der Sonne an der Gartenmauer und hielt den ersten Draußentratsch des Jahres mit der Nachbarin, die ihren vierjährigen Enkel zu Besuch hatte. Wir freuten uns des Sonnenscheins und tauschten Neuigkeiten. Schön.
Da kam der Schwager der Nachbarin über'n Hof auf uns zu, durch seinen Garten in ihren. "Leider habe ich schlechte Nachrichten!" In der Nacht davor ist die Lebensgefährtin eines andern Nachbarn gestorben. Völlig unerwartet. Sie war nicht erkennbar krank, sie wäre im Sommer sechzig geworden.
Eben bekam ich den Anruf mit Ort und Zeit der Beerdigung, es wird gesammelt, den Kranz stiftet die Nachbarschaft gemeinschaftlich, so, wie sie sich auch gemeinschaftlich um Hochzeiten und Ehejubiläen kümmert, federführend jeweils durch den direkten Nachbarn organisiert.
Es mag ja mal wieder banal sein, jeden Tag stirbt irgend jemand irgend wo. Und vor dem Tod habe ich keine Angst, ich akzeptiere ihn als etwas, das genau so zum Leben gehört wie die Geburt.
Aber der Mann, der da jetzt allein zurückbleibt, hatte eine Tochter, die vor Jahren an Krebs gestorben ist und zwei Jahre nach dieser Beerdigung starb dann auch seine Ehefrau an Krebs. Seine Lebensgefährtin war auch Witwe. Ich dachte immer: "Schön, dass die beiden sich gefunden haben!". Sie wirkten zufrieden.


Und nun ist sie tot.
Einfach so.
Das trifft mich
eben doch.

Dienstag, Februar 12, 2008

"Rosa G." oder "Eine Geschichte, die erzählt gehört" oder "Das Nacht-Tisch-Stöckchen"

Vor einiger Zeit sah ich hier ein beantwortetes Stöckchen zum Thema "Nachttisch". Nun habe ich ein etwas ambivalentes Verhältnis zu den Stöckchen in den Blogs. Aber dem ein- oder andern kann ich mich nicht verweigern.

Zumal Rike es mir nach einer Andeutung meinerseits ausdrücklich auf's Auge gedrückt hat, das Nachttisch-Stöckchen. Und danach erst fiel mir auf, dass diese Geschichte auch um eine Rosa geht. Die Rosa G. nämlich, parallel zur Rosa P., Namensgeberin von Rikes Blog.

Dann soll's wohl sein.

Sie war ein "spätes Mädchen" und zeitlebens hatten die Männer das Bild bestimmt, das sie von ihrer Weiblichkeit zu haben hatte. Es war ein geringschätziges. So hielt sie in unserer Küche immer wieder die Geschichte von dem Nachbarn zum besten, der bei der Geburt seiner dritten Tochter "Schon wieder mit'ne Schlitz!" geflucht und sich wütend betrunken hatte.

Wie gesagt, sie kann für damalige Maßstäbe nicht mehr sehr jung gewesen sein, als Herr G. sie nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete. Er hatte bloß noch ein Bein, aber zwei Söhne, die eine Mutter brauchten. Und eine Werkswohnung.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Mannesmann, damals DER Arbeitgeber in dieser Ecke Duisburgs, die Häuser für seine Leute gebaut, schon ziemlich modern, aber noch ohne Bäder, die kamen schätzungsweise in den fünfziger oder sechziger Jahren...

Man könnte sagen, sie hat sich ins gemachte Nest gesetzt, die Rosa, als sie Herrn G. geheiratet hat. Wie ich mir das Klima damals vorstelle, hat sicher auch mancher gesagt: "Sei froh, dass du noch einen abgekriegt hast!" Männer waren knapp nach dem Krieg.

So durfte sie keine eigenen Kinder kriegen, Einkommen und Platz hätten nicht gereicht. Und ich glaube, das hätte sie gern, ich hörte es zwischen den Zeilen...

Als Grejazi und ich in diesem Häuserblock unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen, war es die Erdgeschosswohnung unter den G.'s und Herr G. lebte noch, war aber schon bettlägerig. Wir fanden noch Reichsmark und sechzig Jahre alte Zeitungsschnipsel, als wir unser Räume auf links zogen, um sie zu renovieren und zu modernisieren. Unter der Spießigkeit vieler Tapetenlagen kam sogar noch der alte Anstrich ans Licht... der war braun ;) Wir scherzten damals, pro Zimmer je einen halben Quadratmeter Wohnfläche gewonnen zu haben durch die Entfernung der Tapeten...

Diese völlig verhutzelte, krumme, magere alte kleine Frau brachte es tatsächlich fertig, im Keller unsere Waschmaschine zu verschieben, damit wir bei unserm Einzug den besseren Standplatz dafür bekämen in der uralten Waschküche.

Sie hatte beschlossen, uns zu mögen.

Nu ja, sie hat Anschluss gesucht, die Rosa. Auf mich wirkte sie ein bisschen verloren mit all' den jungen Leuten, die ins Haus zogen, weil die alten Mieter nicht kaufen wollten und die Flucht ergriffen.

Die G.'s blieben und wir lernten die Wohnung kennen, als Rosa um Hilfe bat, weil ihr Mann aus dem Bett gefallen war. Die Luft war stickig, die Wohnung dämmrig und ich fühlte mich in der Zeit um locker 60 Jahre zurückversetzt, als ich die Räume betrat.

Er war ein findiger Mann gewesen, der Herr G., hat vieles selbst gemacht und an den möglichsten und unmöglichsten Stellen in der winzigen Wohnung Schränke eingebaut und Stauräume geschaffen, das musste er wohl auch, einst wohnten sie dort zu viert.

Nachdem Herr G. gestorben war, kam Rosa oft 'runter zu uns und wirkte nun umso verlorener und zerbrechlicher. Als ich schwangerschaftsbedingt aufhörte, berufstätig zu sein, verbrachte ich noch manche Stunde mit ihr am Küchentisch.

Sie tat mir leid, ja, aber als die Geschichten, die sie erzählte, anfingen, sich zu wiederholen und im Kreis zu drehen, ging sie mir allmählich auf die Nerven. Da ich dennoch nicht das Herz hatte, mich ihr zu verweigern, gewöhnte ich mir an, in ihrer Anwesenheit meinen eigenen Tätigkeiten nachzugehen und gelegentlich rhythmisch "Jaja!" und "Ach?" oder ungläubig "Nein!" zu äußern, wie's grad' kam.

Es ging dann ganz gut mit ihr. Wenn ich ihren Stock im hölzernen Treppenhaus die Stufen hinunterklopfen hörte, stellte ich mich auch gelegentlich abwesend. Bei Bedarf erledigte ich ihre Einkäufe für sie und nahm ihre Besuche und ihren Gesprächsbedarf hin, wie man das Wetter hinnimmt.

Andere im Haus kamen damit nicht so gut zurecht. Ein Paar hat sie tatsächlich aus dem Haus gegrault mit ihrer regelrechten Penetranz. Naja, vielleicht waren Grejazi und ich auch einfach langmütiger.

Nachdem der eine ihrer Söhne sich totgesoffen hatte (tut mir leid, aber dafür gibt es einfach kein anderes Wort!) ging es immer weiter bergab mit ihr. Der jüngere Sohn wohnte ganz weit weg und ließ auch nie von sich hören. In Rosas Erzählungen war er der Bessere, der Tauglichere von beiden.

Tja, leider hatten wir keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Und eines Abends, ich war allein, weil Grejazi damals noch Wechselschicht hatte, hörte ich es oben poltern und dann Jammern. Holzböden sei dank, konnte ich sogar ihre Worte verstehen: "Ich liech' am Boden, au au!" Ich kann's heut' noch hören.

Es gab einen Herrn L. in der Kirchengemeinde, der sich um ihre Angelegenheiten kümmerte (Rosa nannte in "Ludendorff", so hieß er nicht, klang aber ähnlich, Adolf lässt grüßen ;), der war aber nicht zu Hause als ich ihn anrief. So suchte ich ihn im Gemeindezentrum auf und störte ihn bei der Chorprobe.

Er gab mir den Schlüssel und ich hob die alte Frau auf. Von da an führte der Weg unweigerlich ins Heim. Herr L. löste die Wohnung auf. Einen schönen schlichten Wasserkrug, zu dem's leider keine Waschschüssel mehr gab und einen Blumenhocker haben wir vom Sperrmüll geholt.

Dem Vernehmen nach ist sie aufgeblüht, die Rosa, in ihren letzten Lebensjahren im Heim.

Die Fliesen auf dem Hocker sehen den damaligen Badfliesen in der Wohnung der G.'s verdächtig ähnlich. Na, er war eben findig, der Herr G.


Die Herzen aus Holz hat Grejazi für mich geschnitzt in allernördlichster Einsamkeit. Die Handvoll Halbedelsteine stammt vom Amazonas und sie sind ein Geschenk.

Das unförmige Schwarz ist das meines Weckers. Die grüne Schachtel enthält meine Qui-Gong-Kugeln aus Rosenquarz. Darauf liegt mein Vajra.

Das Centstück fand ich bei meiner Ankunft in Bad Tölz auf dem Kopfsteinpflaster. Das fleckige Herz ist aus Flint und mein Gesicht war nicht nur vom Regen nass, als ich den Stein gefunden hab'.

Das Stückchen Harz, das wie ein Gargoyle-Ohr aussieht, hat mir mein Sohn J. geschenkt, da liegen auch noch Kieselsteine, die Geschenke von allen drei Kindern sind.

Die Muschel brachte mir Grejazi auf meine ausdrückliche Bitte von einer Vergnügungsfahrt an die Nordsee mit. Der lackschwarze Stein hat mich gefunden, nicht ich ihn. Auch der kleine Maulwurf ist ein Geschenk von Grejazi.

Und an der Lampe von Ikea mag ich besonders die Vorstellung, dass ich mit ihr Ball spielen könnte, ohne dass sie Schaden nähme.

Meine Bettlektüre stapelt sich unter und um Rosas Blumenhocker.

Mittwoch, Februar 06, 2008

Orakel und anderes Unbewiesenes...

Zu den Tarotkarten (von hier) hat sich im vorangegangen Post ein Austausch ergeben, der mir Anstoß genug ist, mal was zur Intuition zu schreiben. Gauzi meint, ich solle das richtig lernen mit der großen und kleinen Arkana. Sie gebraucht Ausdrücke wie: Früchte ernten... intensives Lernen... das mag seinen Sinn haben.


Abendrot hinterm Garten

Aber dazu muss frau bereit sein, der Sache den entsprechenden Platz in ihrem Leben einzuräumen.

Und ich will runter von der kopforientierten Wegfindung. Eigentlich habe ich mich mit meinem Blog schon wieder viel zu weit in eine Kopfwelt hineinbegeben. Die Widderin vom Alpenrand hat mir mal zu mehr Körpererfahrung, Körpererleben geraten und sie hat Recht damit.


Schön geordnete Vasen, Museum Insel Hombroich

Um so schmerzlicher wird mir klar, dass ich immer unbeweglicher geworden bin in den letzten Monaten, regelrecht statisch. Hier sitze ich und tippe und war seit Wochen nicht mehr draußen. Kaum mehr als die paar Schritte von der Tür zum Auto. Und zwei Drittel meines Lebens finden zur Zeit in meinem Kopf statt... ach, ich schweife ab.

Ich betrachte die Tarotkarten so, dass die Karte mich findet, so, wie die Bücher in der Bücherei mich immer finden.

Wie auch viele andere Orakel, wie soll ich sagen, einfach so stattfinden. Z.B. hat mich mal bei Ikea an einem Tag, an dem ich wirklich verzweifelt und ratlos war, immer wieder dieser Satz angesprungen:"Finde deinen Weg!", wieder und wieder. Und in der Situation war das für mich eine unangenehme Wahrheit.

Dabei war es nur die Aufschrift auf den Lageplänen, die überall in dem schwedischen Möbelhaus den Standort bestimmen und Einkaufsorientierung bieten sollen. Damals sprang der rotgeschriebene Satz mich an jeder Ecke an, wenn ich heute dort bin, muss ich ihn suchen, obwohl er noch genauso oft da ist.

Oder die Sache mit dem angeschlagenen Quarz, den ich in der Stadt im Regen auf dem Parkplatz fand. Bergkristall meinetwegen. Jedenfalls steht er für klares Sehen. Als ich letztens bei den Hexen im Laden war und den von Grejazi zu Weihnachten geschenkten Gutschein genussvoll einlöste, griff ich auch noch in den Behälter mit den getrommelten Quarzen.

Trümmelbachfälle, Schweiz

Weil ich weiß, dass ich mich mit Vorliebe irgendwo in den unteren Etagen, im alltäglichen Getriebe verzettele und oft störrisch dort verharre, den Überblick über das Ganze verliere, den Durchblick durch das, was um mich geschieht. Ich weiß, dass das mein Stein ist zur Zeit. Dazu brauche ich keinen wissenschaftlichen Beweis, keine Literatur.

Oder das Waldschaumkraut, das plötzlich überall im Garten wuchs im letzten Jahr, in der Wiese und in den Pflasterritzen:"Vergiss' die Vergangenheit, Leben ist jetzt!".

Was ich meine: Alles ist immer da. Es liegt an mir, zu sehen, dass die benötigten Informationen und meine Möglichkeiten immer alle da sind. Und das zu erkennen und umzusetzen, das lässt sich nicht büffeln.
Eine wilde Orchidee mit Namen "Geflecktes Knabenkraut", Schweiz

Montag, Februar 04, 2008

Ansteckend....

I am

The Wheel Of Fortune


Good fortune and happiness but sometimes a species of
intoxication with success


The Wheel of Fortune is all about big things, luck, change, fortune. Almost always good fortune. You are lucky in all things that you do and happy with the things that come to you. Be careful that success does not go to your head however. Sometimes luck can change.



What Tarot Card are You?
Take the Test to Find Out.

Sonntag, Februar 03, 2008

Ein Aufenthalt im Krankenhaus...

...macht das Hirn weich und lässt das Rückgrat schrumpfen, jedenfalls bei mir. Dabei war gar nicht ich krank, sondern M. und zumal in den Nächten wollte ich ihn nicht allein da lassen. Dienstagabend bis Donnerstag Mittag waren wir also im Machtbereich der Weißkittel.

Und, ganz ehrlich, es war mir lieb, dass ich Mittwoch mittag mal für ein paar Stunden weg konnte. Hab' dann zu Hause für die beiden andern gekocht, mich um die Hausaufgaben gekümmert, noch ein paar Sachen für's Krankenhaus zusammengesucht.

Die Kleine hat sich verabredet, ich brachte sie zu ihrer Freundin, wo sie auch bis Abends bleiben konnte, der Große wollte mit und langweilte sich tapfer am Bett seines Bruders.

Letztlich war der Befund vergleichsweise harmlos, aber bis wir den hatten... und solange ich nicht bei meinem Kind war und Ärzten und Schwestern fortwährend auf die Füße trat, machten die NIX... das war der Haken an meiner limitierten Freiheit.

Grejazi hätt's einrichten können von der Arbeit her, irgendwie, aber mir war der gelinde Spagat lieber als die zermürbende Untätigkeit im Krankenhaus! Ich habe wirklich die Faust in der Tasche geballt, als ich der Ärztin gegenübertrat, um ihr die Meinung zu sagen. Ich versteh' ja die Routine und die Unvorhersehbarkeiten im Krankenhausalltag, aber ich sehe auch, dass Patienten gern mal dabehalten werden, um Betten zu füllen und um sich von Seiten der Ärzte auch abzusichern.

Und über meine Zeit verfüge ich lieber selbst, als mich so eigenartig entmündigen zu lassen. Diese Untätigkeit und das Wandeln auf den Fluren.... diese unbequeme Elternliege... gut, dass M. schon groß genug ist, um ein paar Stunden allein im Krankenhaus zu sein, dass er Telefon am Bett hatte und mich immer erreichen konnte über mein Handy...

Na ja, das Schöne war dann, dass wir in der zweiten Nacht das Zimmer für uns allein hatten. Da habe ich mit dem sehr ausgeruhten Kind bis spät in die Nacht Mau-Mau gezockt.... das hat er eindeutig sehr genossen! ;)

Nun geht's ihm wieder richtig gut, dem Kind - dafür hat seine Mutter jetzt eine Magen-Darm-Grippe vom allerfeinsten!